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Das wahre Gesicht der Solidarität

Antwort der Inicjatywa Pracownicza bei Amazon in Poznan auf die Erklärung der Solidarność vom 7. Juli 2015 zu den Protesten bei Amazon in Poznan und zur Eröffnung der Tarifauseinandersetzungen  

Die Gewerkschaft Solidarność bei Amazon in Wrocław hat in den letzten Tagen eine Erklärung herausgegeben (siehe Anhang), mit der sie auf den spontanen Arbeiterprotest bei Amazon in Sady bei Poznań in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 2015 reagiert. Soweit wir wissen, drückte dieser Protest vor allem die Unzufriedenheit über die zwangsweise angeordneten Überstunden während der Streiks in Deutschland aus und sollte Solidarität mit den streikenden Arbeitern im Ausland zeigen. Die Erklärung der Solidarność bezieht sich zudem auf die Eröffnung der Tarifauseinandersetzung mit Amazon durch die Inicjatywa Pracownicza (IP), die Lohnerhöhungen, Betriebszugehörigkeitszuschläge, Arbeiteraktien, Arbeitspläne auf Jahresbasis und realistische Pausenzeiten fordert. Die IP kündigte an, dass es zu Verhandlungen und einer Schlichtung kommen könne und sie gegebenenfalls auch zum Streik bereit wäre. (Siehe dazu die deutsche Fassung der Forderungen und der Erklärung der IP zu den Vorkommnissen am 24./25. Juni: http://ozzip.pl/english-news/item/1952-der-konflikt-bei-amazon)

Die Solidarność erkennt unsere Forderungen weitgehend als richtig an, allerdings ist sie nicht einverstanden mit den von uns angewandten Methoden. Außerdem meint sie, dass die IP auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter Aufsehen in den Medien erregen wolle. Solidarność möchte die von beiden Gewerkschaften für richtig befundenen Forderungen gerne auf dem Weg des Dialogs und der Zusammenarbeit mit Amazon "im Geiste gegenseitigen Respekts" verwirklichen. Außerdem erklärt sie, dass sie aus dem Wissen und den Erfahrungen anderer europäischer Gewerkschaften schöpfen wolle und dass ihr an der "Schaffung von gewerkschaftlicher Stärke und Einheit" liege.

Tatsächlich unterscheiden sich IP und Solidarność ganz wesentlich. Ein Unterschied liegt darin, dass wir das Verhältnis zwischen Arbeiterinnen und Arbeitern einerseits und Firmeneigentümern andererseits verschieden einschätzen und deshalb auf andersartige Vorgehensweisen setzen. Vor allem meinen wir als IP, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter Stärke aufbauen müssen gegenüber Arbeitgebern, die Profit daraus ziehen, dass sie niedrige Löhne zahlen, die Arbeitszeiten so stark wie irgend möglich ausweiten und unablässig die Normen erhöhen. Bei Amazon spüren wir das am eigenen Leib. Es ist naiv, der Rücksichtslosigkeit der Chefs mit der bemühten Suche nach einem "gesellschaftlichen Dialog" und Nachsicht zu begegnen. Die Firma fährt riesige Gewinne ein, während wir kaum mehr als den Mindestlohn verdienen. Das Amazon-Management hat schon oft gezeigt, dass es keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen will, es arbeitet in anderen Ländern nicht mit Gewerkschaften zusammen, und es lehnt Tarifverträge ab. In Großbritannien setzte Amazon gar auf union busting und heuerte eine darauf spezialisierte Firma an. In Deutschland hat Amazon sechs Jahre lang "Vergleiche mit dem regionalen Lohnniveau" angestellt, ohne dass das zu Lohnerhöhungen geführt hätte. Diese kamen erst später, als die Arbeiterinnen und Arbeiter sich trauten, für ihre eigenen Interessen zu kämpfen und die ersten Streiks organisierten. Falls Solidarność tatsächlich von den Erfahrungen der ausländischen Kollegen profitieren möchte, die im Verlauf der letzten zwei Jahre [mehr als 50 Tage] in verschiedenen Zentren gestreikt haben, dann ist uns unverständlich, warum sie einen Weg gehen will, der dort gar nicht funktioniert hat.

Ein weiterer Unterschied zwischen IP und Solidarność liegt in der internen Organisierungsform. Die Mitglieder der in den Betrieben aktiven Sektionen der IP entscheiden eigenständig über ihre Vorgehensweise. Die Entscheidung über die Eröffnung der Tarifauseinandersetzung wurden also aus der Belegschaft des Betriebs heraus getroffen und nicht nach Anweisungen von Bürokraten aus einer Zentrale. In unserer Gewerkschaft gibt es keine bezahlten Funktionäre. Die IP kann so nicht auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeitern agieren, da diese selbst – und nicht etwa eine Gewerkschaftshierarchie – bestimmen, in welche Richtung sie sich bewegen wollen.

Obwohl uns diese Unterschiede zur Solidarność bewusst waren, haben wir der Betriebsorganisation der Solidarność bei Amazon in Wrocław am 17. Januar 2015 – nur wenige Tage nach deren Gründung – einen Brief mit folgenden Worten geschickt: „Mit Freude nehmen wir zur Kenntnis, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter im Wrocławer Betrieb unserer Firma organisieren. (...) Hiermit erklären wir unsere Bereitschaft zum Erfahrungsaustausch im Kampf um eine bessere Zukunft für die Arbeiter und Arbeiterinnen der polnischen Betriebe von Amazon. Ebenso werden wir uns bei jeder Form von Druck oder Repression gegenüber bei Amazon entstehenden unabhängigen Gewerkschaftsstrukturen solidarisch verhalten." Wir haben nie eine Antwort erhalten.

Die Ende Juni von etlichen Arbeiterinnen und Arbeitern in unserem Distributionszentrum in Sady bei Poznań durchgeführten inoffiziellen Proteste wurden von der Sektion der IP weder organisiert noch koordiniert. Wie wir bereits in unserer Erklärung vom 26. Juni 2015 geschrieben haben: "Wir kennen nicht die jeweiligen Gründe aller an den Ereignissen in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni Beteiligten. Die Ursache für die spontane Reaktion und dafür, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter die Dinge in die eigenen Hände genommen haben, sehen wir jedoch in der arbeiterfeindlichen Politik von Amazon“. Darum unterstützen wir die Beteiligten, besonders da das Management als Vergeltungsmaßnahme einzelne aus der keineswegs kleinen Gruppe derer, die an den Aktionen beteiligt waren, freigestellt hat oder zu kündigen versucht. Mit ihrer Distanzierung von den Bemühungen der Arbeiterinnen und Arbeiter um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen (in diesem Fall sogar auch von ihren eigenen an den Vorfällen beteiligten Mitgliedern, was ihr vielleicht nicht einmal klar ist), fällt Solidarność den Arbeiterinnen und Arbeitern einfach in den Rücken – während das Amazon-Management gleichzeitig repressive Maßnahmen ergreift.

Kurios hört sich der Vorwurf an die IP an, wir würden die Medien nutzen, um unsere Forderungen bekannt zu machen. Die Solidarność selbst hat doch überhaupt keine Berührungsängste gegenüber Medien und Politikern, die sich darin selbst darstellen. Im Fall der von der Solidarność erwähnten Firma Chung Hong wie auch bei Amazon erregten die Konflikte großes Medieninteresse, weil diese Betriebe eine große Bedeutung für den ganzen Markt haben. Amazon ist einer der größten Online-Händler auf der Welt, Chung Hong ist Subunternehmer von Giganten der Elektronikbranche. Der Arbeitskampf bei Chung Hong 2012 stieß auch deshalb auf Interesse, weil er ein seltenes Beispiel für einen Streik in den polnischen Sonderwirtschaftszonen war. Dass die Arbeiterinnen und Arbeiter damals nicht siegten, hatte zwei Gründe. Erstens agierte die Firma Chung Hong rücksichtslos und repressiv und kündigte den Streikenden illegal (weshalb sie später vom Gericht zu Entschädigungszahlungen verurteilt wurde). Zweitens hätte die streikende Belegschaft Unterstützung aus anderen Betrieben gebraucht, die Teil der Produktionskette waren – besonders aus den Betrieben in denen die Solidarność aktiv war. Diese Unterstützung kam nie.

Trotz allem haben wir weiter die Hoffnung, dass die Solidarność diesmal in der Lage sein wird, über den Tellerrand der Konkurrenz zwischen Gewerkschaften hinauszusehen, da Konflikte unter uns nur dem Konzern nützen. Wir sind überzeugt, dass es bei Amazon in Wrocław Arbeiterinnen und Arbeiter gibt, die anlässlich der gerade begonnenen Tarifauseinandersetzung bereit zum Kampf für unsere gemeinsamen Ziele sind. Wir hoffen weiter, dass die Worte der Solidarność, dass sie "gewerkschaftliche Stärke und Einheit aufbauen" wolle, kein reines Lippenbekenntnis bleiben. Wir zählen darauf, dass Mitglieder der Solidarność bei Amazon in Wrocław sich am Internationalen Treffen von Amazon-Arbeiterinnen und -Arbeitern vom 11. bis 13. September 2015 beteiligen, das gemeinsam von Leuten aus Belegschaften in Deutschland und Polen organisiert wird – unabhängig von ihrem jeweiligen Gewerkschaftsbuch.

OZZ Inicjatywa Pracownicza bei Amazon
9. Juli 2015

Übersetzung der polnischen Fassung:
http://ozzip.pl/teksty/informacje/wielkopolskie/item/1954-prawdziwe-oblicze-solidarnosc


Anhang – Dokumentation der Erklärung der Solidarność bei Amazon in Wrocław vom

7. Juli 2015

Mit Aufmerksamkeit verfolgen wir die Berichterstattung der Medien zu den Aktivitäten der Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza bei Amazon in Sady bei Poznań. Viele Forderungen halten wir für richtig, die Methoden und das konfrontative Auftreten finden wir allerdings zweifelhaft. Die Drohung mit Streik ist in dieser Etappe der Gewerkschaftsarbeit nicht die einzige vernünftige Lösung. Unsere Beunruhigung wird verstärkt durch die Erfahrung mit dem Streik, den die Inicjatywa Pracownicza [2012] bei Chung Hong organisierte. Leider gewannen medienträchtige Aktionen die Oberhand über das Wohl der Arbeiter. Die Sache rief ein breites Echo hervor und funktionierte als Propagandasprachrohr. Der praktische Effekt war aber nur kurzfristig und auf Beifall ausgelegt, ein Dutzend Arbeiter verloren ihre Arbeit. Wir dürfen unsere Kolleginnen und Kollegen nicht dem Verlust des Arbeitsplatzes oder Repressionen seitens des Arbeitgebers aussetzen.

Das Ziel der Gewerkschaftsorganisation der Solidarność bei Amazon in Polen ist die Verbesserung der Arbeits- und Lohnbedingungen der Arbeiter. Das ist eine langwierige und mühselige, vor allem aber gesetzeskonforme Arbeit. Der Unternehmer und die Gewerkschaft sollten auf partnerschaftlicher Grundlage zusammenarbeiten und sich um ein immer besseres Funktionieren des Betriebs und um die zunehmende Stärkung der Bindungen zwischen den Arbeitern und der Firma bemühen, im Geist gegenseitigen Respekts. Deshalb sind wir Anhänger von Dialog und harten Verhandlungen, weil genau diese einen messbaren, dauerhaften Erfolg bringen.

Dennoch halten wir viele der von der Inicjatywa Pracownicza aufgestellten Forderungen für richtig und wichtig in unserem Betrieb. Die Methoden, mit denen sie umgesetzt werden, die überhasteten Entscheidungen, die absichtliche Konfrontation mit dem Arbeitgeber und Aktionen am Rande der Legalität erwecken aber unsere Besorgnis.

Wir nutzen das Wissen und die Erfahrungen unserer Kolleginnen und Kollegen aus den bei Amazon tätigen europäischen Gewerkschaftsverbänden. Unsere Prioritäten sind: der Aufbau von Solidarität zwischen den Arbeitern, die Erlangung von gesellschaftlichem Vertrauen, die Schaffung von gewerkschaftlicher Kraft und Einheit, der Kampf um würdige Löhne und ein sicheres und freundliches Arbeitsumfeld. Daher planen wir unsere Aktivitäten langfristig.

Grzegorz Cisoń, Vorsitzender der Betriebskommission der „Solidarność” bei Amazon in Polen

Polnische Fassung auf der Webseite der Solidarność:
http://solidarnosc.wroc.pl/oswiadczenie-ws-biezacej-sytuacji-w-amazonie/


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